7.00 Uhr morgens, Tatort Küche …

Ich kannte mal jemand dessen Lieblingsspruch war: „Nichts ist so fein gesponnen, dass es durch die Sonne wird nicht ans Tageslicht kommen“ … verschraubtes Deutsch,  ich weiß – passt aber genau zu dem Typ! … also das Verschraubte meine ich.  Neben weiteren deutlich verdrehten Angewohnheiten. Aber das ist wieder eine andere Geschichte. Jedenfalls wird der Reim eigentlich eher angewendet im Zusammenhang mit dem Begriff Lügen, wie in   „keine Lüge ist so fein gesponnen, dass … – aber egal.  Mir fällt dieser Spruch jedenfalls heute Morgen ein, als das Sonnenlicht mit einer so gleißenden Helligkeit in meine Küche strömt, dass selbst die hintersten Winkel derselben forensisch ausgeleuchtet werden. Ups! O-Ton Freddy Schenk: „und schick mal einer die Jungs  von der KTU vorbei – ich glaub das wird hier noch viel schlimmer, als es im ersten Moment den Anschein hat“ …… Und Schnitt!

Uiiiii! Wahrlich Zeit, den (angeschmutzten) Tatsachen ins Auge zu blicken. Weder das Attribut „fein gesponnen“ kann das Ausmaß an Staub an einigen – dem prüfenden Auge zugegebenermaßen schwer zugänglichen Stellen – weiterhin für sich in Anspruch nehmen. Noch kommt in meinem Fall die sonst allseits beliebte Variante  „fürs erste einfach mal alles kurz unter den Teppich kehren“ zum Einsatz; der Dank dafür gebührt den Küchenboden zierenden schönen aber leider unbeteppichten Steinplatten.

Natürlich will ich hier keinesfalls den Eindruck vermitteln, meine Bleibe entspräche den sich wöchentlich in Richtung Negativ eskalierenden RTL2  Messie-Standards; nur – ewig die Küchenschrankfronten abwaschen oder ständig auch hinter dem Mobiliar den Besen zu schwingen steht bei mir nicht auf dem regulären Putzprogramm. Muss nicht sein. Finde ich.  Geht ja auch immer lange Zeit gut. Bis es dann eben eines schönen Tages heißt  „(Nicht) nur die Sonne war Zeuge“.  Und oder erst dann wird von mir mit vollem Körpereinsatz gewischt und gebohnert – und das übrigens ohne die Mithilfe von Romy Schneider und Alain Delon – nur dass das auch klar ist. Hehe.

Nun gut, wenn es denn sein muss – bringen wir es hinter uns.

Meine Inventur des Putzschrankes birgt ungeahnte Schätze!  Es gibt da  einen Spüllappen in strahlendem Sonnenblumengelb, welcher extra für mich mit Liebe handgehäkelt wurde (danke in den hohen Norden!). Er wird demnächst, neben einer glänzend sauberen Spüle liegend, wunderbar aussehen! Dann ist da ein Reinigungsschwamm, originalverpackt und beidseitig bestückt mit drahtigem Scheuerflies. Witzigerweise ist er nicht in der sonst üblichen quadratischen Art und Weise gearbeitet, sondern in Herzform – und zwar extra dick und in leuchtend rot!  Ich weiß nicht mehr wie er in meinen Besitz kam, vermute aber irgendwann mal als ein Werbegeschenk. Jedenfalls sieht er cool aus!  So wie ich mich kenne, wird er in meiner sauberen Küche genauso wie der gelbe Spüllappen eher als Dekoration wie als Arbeitsutensil zum Einsatz kommen. Gut so. Ich lege die beiden Gegenstände neben die anderen Putznotwendigkeiten wie Scheuermilch, Handbürste, Nass- und Trockentücher und ein Eimer mit heißem Wasser; dann greif ich mir den Meister Propper und den Eimer – und schon kann es losgehen.

„Ne, ne, ne“, schreit da eine Stimme hinter mir los. Erschrocken drehe ich mich um – was ist das denn??  Im selben Ton geht es auch schon weiter.  „Das kommt ja gar nicht in Frage! Ich lass mich doch nicht mit jedem Hinz und Kunz zusammen in einen Putzeimer schmeißen! Ich bin eine geborene von Spül und mein Mann war ein Lappen, und zwar durch und durch, jawoll das war er!“

Mir fällt fast der Meister Propper aus der Hand! Ein sprechendes Spültuch??  Das konnte doch nicht sein!  Oder höre ICH auf einmal Stimmen? Mir wird schwindelig ……

„Was erlauben Sie sich“,  schnappt das Herz empört zurück. Das rote Scheuervlies vibriert heftig. „ Ich erwarte umgehend eine Entschuldigung, ansonsten fordere ich Genugtuung“!

Ein sprechendes Herz! In meiner Küche! OMG!

„Und wer soll überhaupt dieser Hinz und Kunz sein? Ich kenne niemand der so heißt! Und mal abgesehen davon“, das Herz lässt seinen Blick spöttisch über das Spültuch wandern, „ ich glaube sowieso nicht, dass wenn man Ihre Maße berücksichtigt, noch jemand anderes in einen Putzeimer passt!“

„Was??“, kreischt der Spüllappen erbost, „meine Maße sind ästhetisch gleichmäßig verteilt und  zwar nicht so wie bei Ihnen, Sie gedrahteter Bollen Sie!“

Autsch! Aber so langsam macht mir die Sache Spaß…

Das Herz verfärbt sich in Richtung rot-lila und schnarrt mit wütender Stimme  „Ihre Wahl der Waffen?“. „Häkelnadel Größe 5″, antwortet das Spültuch mit fester Stimme. Dann schaut es mich an. „Wie wäre es wenn Du mir die passende Häkelnadel bringen würdest, wir können schließlich nicht den ganzen Tag hier verbringen!“ „Sorry, keine Häkelnadeln in diesem Haus!“  erwidere ich kurz und knapp, “nicht mein Problem.“ Soweit kam es noch, dass ich hier Seiten beziehe.

“Bitte sehr“,  meint das Herz, „ dann wähle ICH die Waffen – ähm…  Drahtzange!“  Hm. Meine Blumenzange könnte in diesem Fall funktionieren. „Meinetwegen“, sagt der Spüllappen mit nicht mehr ganz so fester Stimme, “ also bringen wir es hinter uns. Viel Widerstand dürfte es bei Ihrer offensichtlich fehlenden Kondition sowieso nicht geben!“  Das Herz holt tief Luft und….

Es ist Zeit für mich diesen Hick-Hack zu beenden. Auch wenn der Disput spaßig anzuhören war,  jetzt ist genug mit den unnützen Fisimatenten! Schließlich habe ich eine Küche zu putzen!

„Also, “ beginne ich mit gewollt strengen Unterton in der Stimme, „so wie ich das sehe, haben wir hier zwei Möglichkeiten!“

„Frau von Spül, es gibt da in Ihrem künftigen Arbeitsbereich Küche zahlreiche und ziemlich große schwarz eingebrannte Stellen auf der Ceran Herdplatte  – verursacht von Sojasauce, Rotwein und der unbeabsichtigt gelegentlich verstreuten Prise Zucker. Ich bin davon überzeugt, dass die Entfernung dieser Flecken unglücklicherweise Ihrem wundervoll gelbleuchtenden Aussehen mehr als nur schaden werden.“ Entsetzt blickt der Spüllappen mich an. „Und Sie mein liebes Herz“, fahre ich mit erhobenem Zeigefinger fort, „ Sie könnten schlimmstenfalls im Putzschrank landen – und zwar unerfreulicherweise im alten verbeulten Restemüllkorb, in dem Sie dann die Möglichkeit haben lebenslang zwischen verblichenen Weinkorken, einem Sammelsurium von alten Batterien und diversen Hosengummis in verschiedenen Größen ein trostloses Dasein zu fristen. Und ein einsames dazu wenn ich das noch nebenher bemerken darf; denn in besagtem Korb herrscht nämlich ganzjährig eine staubige Dunkelheit, da der Inhalt nie gebraucht wird. Nie.“ Meine Stimme klingt mehr als überzeugend.  Das Herz hat eine blassrote Farbe angenommen und atmet schwer.

Oder aber meine Damen  –  ich werde Sie freundicherweise aus der Gefahrenzone nehmen und während der Putzarbeiten auf dem Weinregal zwischenlagern, damit keine von Ihnen einen Wasser- oder sonstigen Schaden erleidet. Dafür erwarte ich von Ihnen beiden einen unbefristeten Waffenstillstand. Und hinterher ein friedliches Zusammenleben in meiner Küche. Ihr Einsatz in der selbigen wird im Bereich Dekorationsmanagement liegen; ich glaube, dass dies ein sehr angenehmer und auch heißbegehrter Job ist braucht nicht extra erwähnt zu werden. Also – was sagen Sie dazu?

Die zwei Damen schauen sich wortlos an. Wie ich schon erwartet habe, machte das Herz den Anfang, die Wogen zu glätten. Jeder der selbst ein großes Herz hat weiß wie wichtig es ist,  wenn möglich in Frieden mit allen anderen Lebensformen zu existieren. Und dies gilt in diesem Falle wohl auch für Spüllappen und herzförmige Reinigungsschwämme! „Ich heiße Edeltraud“, sagt das Herz und sendet ein schüchternes Lächeln in Richtung Spüllappen. Der Spüllappen zieht die Augenbrauen hoch und blickt vom verschmutzten Herd zum Herz ud wieder zurück.  Sie entscheidet dann wohl, dass der Schwamm das immer noch das kleinere Übel ist, denn mit einer Miene die man mit einigem guten Willen als Lächeln bezeichnen kann, sagt sie „ Angenehm, von Spül!“ Sie blickt mich an und deutet meinen Blick wohl richtig, denn sie fügt dem Gesagten noch schnell ein „und mit Vornamen heiße ich Amanda-Sophie“ hinzu. Na also, geht doch. Ich nehme Edeltraud und Amanda-Sophie und setze sie wie abgesprochen auf das Weinregal. Mit einem gewissen Sicherheitsabstand natürlich, just in case….

Dann beschäftige ich mich zum zweiten Mal heute wieder mit Meister Proper und dem Eimer.  Während ich die Kühlschranktüre abwasche, denke ich darüber nach, ob andere Menschen sich wohl auch mit ihren Putzutensilien unterhalten? Egal entscheide ich, als ich zwei Stunden später stolz meine vor Sauberkeit blitzende Küche betrachte. Ich lege den Spüllappen und den Reinigungsschwamm  in die für Dekorationszwecke vorgesehene Ecke und freue mich, wie gut sie dort aussehen. Vor allem zusammen mit dem alten Seifenspender, den ich auf dem Flohmarkt erstanden habe. Die beiden Damen scheinen von dem Zuwachs allerdings weniger begeistert zu sein. Sie schauen sich an und dann wie auf Kommando schießen sie gemeinsam (!) missbilligende Blicke in die Richtung des Seifenspenders. Er wird es nicht leicht mit ihnen haben, der Arme!

Comments

  • Karin
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    Die gute Frau von Spül sollte mal etwas die Luft anhalten. Tatsächlich weiß ich aus sicherer Quelle, dass Ihre Mutter eine „von Rödel“ war (für im Bereich des Handarbeitens nicht so gut informierte Leser: das ist ein einfacher Wollehersteller) und dass der Vater aus der Familie der Häkelnadeln entsprang und dies aus dem eher einfacheren Familienzweig. Herr Lappen war über diese Herkunft übrigens auch nicht informiert… Wie es mit Edeltrauds Ursprung ausschaut, weiß ich natürlich nicht, aber egal wessem Schoß sie entsprang, sie es immerhin geschafft zu einem Deiner Dekorationsobjekten zu werden und das heißt doch schon mal etwas. Und der Seifenspender… tja muss er durch – und wer weiß was der in seinem Leben schon alles durchmachen musste? Womöglich wickelt er die Damen ruckzuck um den Seifenspenderhals.

    Ich mag die Geschichte, kann die Protagonisten bildlich vor mir sehen – wobei wir das Bild mit dem Sprücheverdreher ganz schnell aus dem Gedächtnis verdrängen, nicht wahr…
    Ansonsten erinnert mich die Geschichte übrigens ein wenig an die Bratpfanne Marianne. Es sollte meiner Meinung nach eine Rubrik „Küchengschichtn“ geben.

    Karin

    3. August 2020

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