Schokolade, zartbitter

Eigentlich bin ich ja ganz anders. 100 Prozent. HA!

Weil,  jetzt mal ganz unter uns,  DAS  kann ja wohl nicht die wahre Ich sein, also so wie die ist und wie die sich verhält.  Mehr und mehr und immer öfter ist die nämlich biestig, stänkert rum und ist trotzig und widerborstig.

In letzter Zeit kommt noch eine Wut dazu – eine Wut, die sich –  direkt unter Haut zusammengeballt – versteckt hält.  Und die jede Gelegenheit nützt um an die Decke zu gehen –  aber wie!  Sehr beängstigend das Ganze.  Selbst in der Öffentlichkeit geht diese Wut echt ab! Man stelle sich das mal vor …..  Krass! Um es mal kurz und bündig auf einen Nenner zu bringen: diese Beschriebene da repräsentiert eine sehr anstrengende, unberechenbare und abenteuerlich bedenkliche Seite von mir.

Das Gegenstück dazu von dem ich hoffe, dass sie mein wahres ICH ist, also eine Bessere, Freundliche, Geduldige, Ausgeglichene….  die ist – und ich kann  es nur positiv unterstreichen – wirklich ganz anders!  Witzig, kreativ, emphatisch und liebenswert. Es entspannt und ist bereichernd,  mit ihr zusammen zu sein.

Ich weiß in den Zeiten, wenn mein positives Gegenstück  mein Lebensruder in der Hand hält, ist alles gut.  Leider sind diese Zeiten sehr selten und ich habe fast Angst, dass – so wie alles in letzter Zeit läuft – sie  in nicht mehr allzu ferner Zeit ganz verschwunden sein könnte. Aber OHNE sie bin ich verloren – das ist so sicher wie das Amen in der Kirche!  Genauso sicher wie meine völlige Ratlosigkeit, WIE ich WAS ändern könnte…. Es muss doch IRGENDWIE  möglich sein, das negative Übel am Schopf zu packen  und ein für alle Mal herauszureißen;  und gleichzeitig das viele Gute und Schöne in mir zu stärken und hervorzubringen.

Oder nicht? Aber wie?

Ich hab echt keinen Plan!!

Aufgeben?

Echt jetzt?

Und was dann?

Also weitermachen?

SO etwa?

Ne jetzt – also ne danke!

Hm.

Nun jetzt reiß Dich mal zusammen!

Schnief …

Haste nicht gehört – z-u-s-a-m-m-e-n-r-e-i-ß-e-n!

Pfffff …

Nix Pffff … –   DU bist jetzt dran, lass dir mal was einfallen – bist doch nicht blöd!

…… ?

Na gut –

Wo fange ich am besten an?

Codewort: Verbündete!

Und woher diese nehmen?

Zum Beispiel aus den eigenen Ressourcen?

Ach?

Na klar – meine innere Stimme?

Höre ich denn überhaupt auf die?

Na ja… wohl eher nicht, was?

Warte mal….

… da gibt es doch auch Anteile in mir – und zwar die, welche seit meinem Anbeginn mein tägliches Leben mit ihren zahlreichen Kommentaren, Vorhaltungen,  Einwänden und nicht enden wollenden „Vorschriften“ mitbestimmen. Ich kann doch DIE  mal fragen!

Also, lass sehen.

Da wäre als Erstes der Chef Perfektionist mit seinem Intimus, dem Antreiber. Dann der edle Gutmensch und der Pst-Pst-ist-doch-nicht-so-wichtig-Beschwichtiger; weiter, die hochsensible Zartbesaitete,  der co- abhängige Friedensstifter und das nebelhaft verschwommene,  ziemlich konturenlose Eigene Ich. Hinter diesem, nahtlos anschließend, verstecken sich das chronisch unterernährte Selbstwertgefühl und der depressive Trauerkloß. Zu erwähnen sind  auch das anhänglich-aufdringliche schlechte Gewissen, sowie die schmerzbehaftete Vergangenheit mit ihrer Schwester, der angstmachenden Zukunft.  Oh je. Tja. So sieht’s aus. Alles in allem keine so guten Kandidaten.  Nur Chaos…

Aber moooment mal –  was  ist mit meinem inneren Kind? Erwartungsvoll sehe ich mein Kind an. Es dreht sich zur Wand und zieht die Decke über den Kopf. Die arme Kleine hat nie gelernt, sich gegen die anderen Stimmen durchzusetzen und  fühlt sich abgelehnt und ausgegrenzt. Sie hat diesem Leben bisher mich und meine unendliche Liebe für sie hinter ihrer turmhohen Mauer aus Leid und Weh nicht entdecken können ……

….. so traurig. DIESER gordische Knoten ist auch noch nicht gelöst …..

Sind da nicht auch Ressourcen von „Außen“?  Eventuell Unterstützung von einer „höheren Macht“?  Das könnte sogar klappen. Aber wie funktioniert da eine Annäherung, ein Kontakt?

Zwischenfrage: Ist „Höhere“ in diesem Sinne eigentlich „bildlich“ gemeint, oder ist diese sogenannte höhere Macht tatsächlich irgendwo OBEN? Und wo genau ist in diesem Fall OBEN? Kommt das nicht auch darauf an, von wo man guckt? Also von unten gesehen, ist es natürlich oben, aber von über dem oben von oben aus gesehen, ist es doch unten. Oder?

Ähm.

Halt!  Ich glaub ich weiß jetzt, wie ich mit einer höheren Macht Verbindung aufnehmen kann. Nämlich durch einen Engel –   na klar! Hör zu:  also ich steige die Himmelsleiter hoch und treffe dort hoffentlich einen für meine Fragen zuständigen Engel. Und dieser leitet dann mein Anliegen nach GANZ oben weiter. Fall gelöst. Na also. Wird schon klappen. Einen Versuch ist es sicher wert. Außerdem – dieser Weg ist wohl im Moment meine einzige Option.

Obwohl ….

… diese Himmelsleiter sieht schon verdammt hoch aus.

Na dann – los geht’s!

 

Suse hängte sich an das Seil der gewaltigen Glocke und läutete Sturm. Die Glocke schwang heftig hin und her und ihr Hall erschallte durch Raum und Zeit. Aus dem Nirgendwo näherten sich hastige Trippelschritte und das metallene  Klappern eines Schlüsselbundes. „Ja, ja, ich komm ja schon“, eine etwas kurzatmige  Stimme war zu hören, „ich sag‘s ja immer – Geduld ist kein Vergnügen, drum muss man‘s  täglich üben“.

Mit einem lauten Ächzen öffnete sich die schwere, goldbeschlagene Himmelstüre. Suchend blickte  der Engel des Universums hinaus ins All. Sein Blick blieb an der Himmelsleiter hängen. Auf deren obersten Absatz, das Geländer fest umklammert, stand ein weibliches Wesen, rotbackig  und ziemlich außer Atem. Sie trug ein verwaschenes, ehemals himbeerrotes T-Shirt auf dem in verblasster Goldaufschrift „Calvin for President“ aufgedruckt war; dazu ein Paar graue, schlapprige Wohnhosen und leuchtend gelbe Sneakers. Die Gestalt war nicht sehr groß und nett und pfiffig anzusehen. Ihr Kopf war eingerahmt von einem silbernen Bob. Hinter einer mit rosa- und lila-farbigen Bügeln verzierten Brille verbargen sich schöne blaue Augen;  im Moment musterten diese Augen den Engel allerdings recht kritisch; und auch der Gesichtsausdruck, den man zweifelsohne als muffig bezeichnen konnte, wollte nicht so recht zum charmant wirkenden Rest der Gestalt passen.

„ Ah, Suse“, meinte der Engel freundlich, „Schön, dass du da bist – willkommen im Universum! Was können wir denn gerade heute dich tun?“  Gar nichts – wenn es nach mir ginge, dachte Suse ungehalten und zog die Mundwinkel säuerlich nach unten; eigentlich wurde ich ja nicht einmal gefragt, ob ich mit einem Engel reden will – es wurde einfach so bestimmt. Ha!  Unglaublich, dass ihre beiden „Ich’s“  im richtigen Leben ihre Streitereien nicht alleine auf Vordermann bringen konnten und so lange Theater machten bis sie, Suse, es nicht mehr aushielt und jetzt hier stehen musste um diese leidige Angelegenheit ein für alle mal auszudiskutieren! Und wieso „gerade heute“ –  ist heute Coupon-Tag im Himmelreich und ab morgen ziehen wir nur Nieten oder was?  Grrrr.  Suse war echt wütend. Der Engel stand sanft lächelnd da und wartete.

Suse holte tief Luft und sagte mit  lauter und vor Aufregung etwas piepsig klingender Stimme „Was ihr heute für mich tun könnt?? Ich will mich beschweren! Es läuft da unten zuständemäßig so einiges schief und ich …“ „ Oh, Entschuldigung“, unterbrach der Engel und legte seine Hand auf ihren Arm,  „das tut mir jetzt echt leid für Dich, aber Du bist  den ganzen Weg umsonst gekommen – das  Universum nimmt nämlich keine Beschwerden entgegen.“ Verdattert verstummte Suse. Dann rief sie verblüfft „Wie jetzt – das Universum nimmt keine Beschwerden entgegen? Seit wann das denn? Und wenn das tatsächlich stimmen sollte  – für was seid ihr Engel denn nütze oder zuständig?“ „Ja weißt du“, antwortete der Engel leutselig, „es ist nämlich so;  alles was geschieht, egal wann es geschieht  und wo auch immer es geschieht: das Universum macht bei allem was es tut nie etwas falsch, gar nie. Soll heißen, die Fehlerquote liegt bei null. Keine Fehler bedeuten keine Beschwerden. Alles klar?“

„Oh –  und bevor ich es vergesse“, sagte er ebenso freundlich wie bisher, vielleicht mit einer klitze-kleinen Spitze in seiner Stimme, „nütze oder zuständig sind wir Engel  im Gegensatz zu euch Menschen  für ALLES, denn bei allem und überall sind wir im Dienst. Wir sind universell,  Engel haben quasi immer was in petto – sprich: der universelle Engel im Universum, hehe …“ Er warf einen raschen Blick über die Schulter – spöttische Bemerkungen waren in dieser Höhenlage  nicht so gerne gehört.

„Ähm“, weiter kam Suse nicht, denn schon fuhr der Engel fort „ „Ja, also, es tut mir echt leid dass du vergeblich den langen Weg hierherauf  gemacht hast. Aber weißt du“, er fuchtelte aufgeregt mit den Armen, „so viele  Menschen haben sich auf unseren Jahrhunderte alten Leitsatz „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“ verlassen.  Bequemerweise haben fast alle diese Menschen den ersten Teil dieses Leitsatzes  – hilf dir selbst – einfach ignoriert und nur den zweiten Teil – dann hilft dir Gott – für sich in Anspruch genommen. Irgendwann war selbst unser Chef mit der ganzen Chose total überfordert und der Leitsatz  wurde von ihm ersatzlos gestrichen. Blöd natürlich für diejenigen die wirklich Hilfe brauchen … na ja, selbst der Himmel ist eben kein Ponyhof, hehe.“

Suse schwirrte der Kopf. Was schwatzte dieser Engel da für ein wirres Zeug?  Es konnte ja wohl nicht angehen, dass sie den ganzen langen Weg hier rauf umsonst gemacht hatte! Hallo??  Nein, das würde sie so nicht akzeptieren. „Also jetzt pass mal gut auf“, Suse blitzte den Engel mit funkelnden Augen an „ich will …

„Oh du heiliges Brimborium!“ Der Engel hörte Suse gar nicht zu. Er sah entgeistert auf seine sternenbesetzte Fliegerarmbanduhr und rief  „Huch je, schon wieder so spät. Ich muss noch die Preise für die Flickt-die-Flügel-Fiesta einpacken und die Einladungen für die alljährliche Heiligenschein-Ralley versenden. Termine, Termine – also, liebe Suse, ich müsste dann wirklich wieder …“

„Erst wenn die Wolken schlafen gehen,
kann man uns am Himmel sehn…. „

Der Engel blickte Suse mit einem verlegenen Lächeln an und fischte ein Iphone aus den tiefen Seitentaschen seiner blütenweisen Kutte.

„Wir haben Angst“….

Erneut meldete sich das Iphone und schnell drückte er einen Knopf.  Die Musik verstummte. Na ja“, meinte er dann achselzuckend „ hin und wieder ist bei mir sowas von was Anderes angesagt als dieses ewige Harfen- und Schalmeien-Gedöns – sodass …

Wow, dachte Suse, Rammstein hätte ich an diesem Ort nun wahrlich nicht erwartet!  Cool!

„ Jetzt wird es aber höchste Zeit, dass ich in die Pötte komme! Ich hab einfach zu viel zu tun. Und immer lasse ich meine Listen irgendwo in der Ewigkeit liegen. Ts-ts“.  Seufzend rückte der Engel seinen Heiligenschein gerade.

Unter der Himmelstüre drehte sich er sich noch einmal um.  „Solltest du mal wieder hier raufkommen, kannst Du mir bitte zwei oder drei Tafeln dunkle Schokolade mitbringen? Die zartbittere Sorte? Weißt du, hier oben beziehen wir die Schokolade direkt von der Milchstraße. Sie enthält für meinen Geschmack einfach zu viel süße Milch und echt nicht genug Schokolade. Und wo ich’s doch so gerne bitter habe! Aber pst …  nicht weitersagen  –  und vergelt‘s Gott.“ „Hehe.“ Freundschaftlich zwinkerte er Suse zu und mit einem lauten Rums schloss sich die Himmelstüre hinter ihm.

„Erst wenn die Wolken schlafen gehn
Kann man uns am Himmel sehn…. „

Seine eiligen Schritte entfernten sich  und Suse lauschte auf die immer leiser werdende Stimme des Engels, der ganz unengelhaft hektisch mit seinem Iphone redete. Dann fiel irgendwo eine Türe ins Schloss und die ewige Stille des Universums senkte sich auf Suse nieder.

Ratlos blickte Suse auf die Himmelstüre. Schweigsam starrte diese zurück. Das große, schwere  Schloss besaß an der Außenseite kein Schlüsselloch;  also war die Türe nur von innen zu öffnen. Suse überlegte kurz ein weiteres Mal die große Glocke zu läuten – aber das brachte ihr außer himmlisch-großen Ärger bestimmt nichts ein. Mission NOT accomplished, dachte sie enttäuscht. So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Sie würde wohl unverrichteter Dinge wieder zuhause ankommen. Und dann?

Suse setzte sich auf die oberste Stufe der Himmelsleiter und blickte sich um. Sie hatte gar nicht bemerkt, wie schnell die Zeit seit ihrer Ankunft vergangen war. Inzwischen war es dunkel  geworden. Der Nachthimmel hüllte das Universum in einen dunkelblauen Vorhang aus Samt, auf dem Milliarden von Sternen glitzerten wie Diamanten. Sie schienen so nah, dass  Suse die Hand ausstreckte um sie zu berühren.  Nicht sehr weit weg von wo sie saß, konnte man die Milchstraße sehen. Sie schnupperte die klare Luft, aber sie konnte keine Schokolade riechen.  Eine Schokoladenfabrik auf der Milchstraße…. bestimmt hatte ihr der Engel einen Bären aufgebunden.  Wundern würde es sie nicht; was sollte man auch von einem Engel halten, der Rammstein hörte? Suse kicherte. Aber nur kurz – dann fiel ihr ein, dass es Zeit war für den Heimweg. Oh je. Sie musste tatsächlich ihre Fragen mit ihren Sorgen und Nöten wieder mit auf die Erde nehmen. Es würde also weiterhin in ihrem Leben ihre mehr als anstrengende negative Seite und eine zu zaghaft positive Seite geben. Und wie mit den zahlreichen anderen Anteilen umgehen? Auch dafür hatte sie hier oben keine Lösung gefunden. Sie stand auf und seufzte tief. Was tun?

Suse spürte auf ihrer linken Seite eine federleichte Berührung. Sie dreht sich um und etwas fiel von ihrer Schulter. Sie griff danach und konnte es gerade noch auffangen, bevor es ins Nichts gefallen wäre. Ein Zettel, gewebt aus feinem Engelshaar, strahlend weiß, weich und biegsam lag in ihrer Hand. Sie faltete ihn auseinander. Der Zettel war beschrieben mit goldenen Buchstaben. Suse  kniff die Augen zusammen bei dem Versuch, das Geschriebene zu enträtseln. Schwierige Schrift…. es sah aus wie in Eile geschrieben, krakelig und schief.

Halte sie hin!

Ich kann dir vielleicht helfen –

es gibt alte Unterlagen!

Nur wo?

Komm nächsten Samstag wieder.

Ewige Grüße, Aingeal

Chef-Engel des Universums, Zertifizierter Glorienscheinträger

PS: Bitte Schokolade nicht vergessen!!!

 

Suse atmete tief aus. Lachend las sie den Zettel noch einmal. Erst mal gerettet!

Sie hatte keine Ahnung, ob Aingeal die alten Unterlagen wiederfinden würde und wenn ja, ob ihr dies bei der Lösung ihrer Fragen helfen konnte – aber hey, die Hauptsache war, sie fühlte sich nicht mehr ganz so überwältigt und hoffnungslos wie noch vor ein paar Minuten. „Strohhalm-Therapie“ konnte man das wohl nennen – egal, egal. Bis nächste Woche war sie erstmal abgehängt vom (Verzweiflungs)-Haken. Phüüüü!

Suse fiel ein, dass heute morgen der wöchentliche Reklameflyer von ALDI Süd auf dem Küchentisch gelegen hatte. Sie konnte sich daran erinnern, dass es diese Woche dunkle Zartbitter-Schokolade im Angebot gab.

 

„In the arms of the angel
Fly away from here“ …..

…  summend und immer zwei Stufen auf einmal nehmend, hüpfte Suse die sternenbeleuchtete Himmelsleiter zurück auf die Erde.


 

Anmerkung Author:  Aingeal -old irish/scottish/gaelic for angel (Engel)

Comments

  • Karin
    REPLY

    Das! Genau das les ich immer wieder! Das ist so gut geschrieben. Ich kann Dich mit dem Engel diskutieren hören :o) und Rammstein hör ich auch ganz leise im Hintergrund, hehe!

    27. April 2020

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