Suuqqangatasuuq: Freiheit die, entlassen werden in

Im vergangenen Jahr ist Blogmässig fast gar nichts passiert.  Und ich weiß ehrlich gesagt nicht warum das so war. Vielleicht wegen fehlenden positiven Begebenheiten?  Zumindest die Familie ist gesund geblieben und das ist doch schon mal eine gute Begebenheit. Ist denn wirklich nichts Nennenwertes geschehen in dem Jahr? Hey, ich hab bei der  Hochzeit meines Patenkindes den Brautstrauß gefangen – DAS nenn ich Nennenswert!  Es ist ist aber auch das eine oder andere passiert, Ereignisse an die ich mich besser erst gar nicht erinnern will …. und es ist wohl deshalb Mai diesen Jahres geworden, bis ich die Aufräum- und  Entrümplungsarbeiten des vorigen Jahres angepackt habe.

Auf jeden Fall, gefehlt hat in dem Jahr Balance, Gleichgewicht, das Hören auf die eigene Stimme. Auch meinen Vorsatz für mehr Gelassenheit, Akzeptanz und Geduld konnte ich nicht wirklich umsetzen. Kein gutes Gefühl, welches zu allem Überfluss dem  allzeit bereiten Schuldbewusstein eine willkommene Bühne bietet. Völlig unnötig übrigens diese Schuldgefühle, ich bin ein Mensch und kein unfehlbares Wesen. Das Leben nämlich hat es des öfteren an sich, einem trotz aller Anstrengungen nicht das zu geben was man gerne hätte. Oder sogar meint Anspruch darauf zu haben!

Allein diese Worte niederzuschreiben, lockert das enge Gefühl um die Brust. Schreiben hilft mir halt immer.  Und in Anlehnung an meinen bevorzugten Lieblingsdichter Wilhem Busch:  „Dieses war der erste Streich“ …..

…. „doch der zweite folgt sogleich!“ Denn als nächstes lasse ich mich fotomässig von Pixabay inspirieren, gebe unter Suchen „innere Ruhe“ ein und entscheide mich intuitiv für ein Foto auf der ersten Seite. Die Bildbearbeitung ist – was nicht immer funktioniert – ruck-zuck abgeschlossen und – schon ziert das Foto diesen Artikel. Zieren im wahrsten Sinne des Wortes; ich finde die Aufnahme sehr schön, die beruhigenden Farbkomposition ausgesprochen gelungen. Es tut meinen Augen gut, wie wohltuend die Rhododendronblüte in zartem lila  mit dem Steinnuancen des Inukshuks harmoniert.  Ein Inukshuk ist nebenbei bemerkt ein auf- oder auch nebeneinander geschichtetes figürliches, oft viele Jahrehunderte, altes Steingebilde.

Ich betrachte das Foto und lausche in mich hinein, was es mir  sagen will.  Meine Zeit bei den Inuit in Nunavut fällt mir ein, die langen und brrrr-frostigen Fahrten mit den Hundeschlitten über das  stille metertief gefrorene Meer. Dessen eisige und endlose Weite nur unterbrochen ist  von strategisch aufgestellten Inukshuks, die dafür Sorge tragen die ohne Vorwarnung auftretenden Schneestürmen und Blizzards zu überleben. Der kanadisch-arktische Archipel umfasst mehr als 36.000 kleine und kleinste Inseln. Die Landfläche aller Inseln des Archipel ergibt zusammen ca. 1.424.500 quadratkilometer; die Bevölkerung  für den gesamten Archipel umfasst ca. 17.000 Einwohner, von denen rund 11.000 Menschen in Iqaliut der Hauptstadt von Nunavat leben. So viel Gegend – so wenig Menschen! Ich war zuhause auf Victoria Island, Region Kitikmeot, in Cambridge Bay, knapp 2.000 quadratkilometer groß, 31 m über dem Meeresspiegel, mit ungefähr 1.500 Einwohner. Und übrigens – das Leben dort war von einer bis dato Temperatur- und Menschenmengenmässig doch sehr unterschiedlich geführten Existenz in einer süddeutschen Großstadt eine wahrlich große Umstellung!

Das Klima mit Eis, Schnee, Blizzards und Temperaturen bis -50 Grad Celsius …. stimmt, das MUSS man mögen, halbherzig geht da nicht! Mir hat das Wetter nie etwas ausgemacht –  die Luft herrlich klar und sauber, rote Nase und beschlagene Brillengläser (!), knirschender Schnee und Eis unter den Schneeboots. Morgens faszinierende Gebinde von Eisblumen an den Fenstern; abends ein samtig blauer Himmel mit Kaskaden von überirdisch funkelnden Sternen – ich war dem Himmel nie so nah …

Die Inuits verstehen unter einem Inukshuk „einen Gegenstand, der anstelle eines Menschen Aufgaben übernehmen kann“.  Leben so weit weg von der Zivilisation erfordert ausgefeilte und gut durchdachte Überlebensstrategien. Es wäre interessant zu erfahren, wer das Drehbuch für ein irdisches Dasein der „kalten und menschenarmen Art“ verfasst hat!  Und vor allem warum….. ?

Vielleicht lässt sich ja das „warum“ wenigstens ansatzweise damit erklären, dass diese Art von Existenz – ädequate Beachtung der Maslowschen Bedürfnispyramide vorausgesetzt – nicht die Schlechteste ist. Die Lebensumstände dort machen es einem fast unmöglich, sich nicht mit sich selbst zu beschäftigen, die Verdrängungsmechanismen dazu sind ziemlich beschränkt.  Sicher, es gibt Fernsehen und das Flugzeug bringt zweimal wöchentlich Lebensmittel; aber das wars dann größtenteils auch schon. Und das bedeutet wiederum, man konzentriert sich  mehr auf das Wesentliche; als da wären Arbeit, Familie und spirituelles Wachstum. Und auf Ruhe, auf die unendliche Stille. Und auf die Natur, die den Großteil des Jahres zugegebenermaßen mit ihren Reizen ziemlich geizt; dafür sind ihre jährlichen Showeinlagen, die sie mit den Blüten des rosé-farbenen Svalbardmohns oder des stengellosen Leimkrautes inszeniert, spektakulär.

Der Zusammenhalt zwischen den dort lebenden Menschen ist einzigartig, ich habe nirgendwo sonst so viel Freundichkeit und Hilfsbereitschaft erfahren wie an diesem Platz. Trotz unterstützend vorhandener Englischkenntnisse – die Sprachbarrieren zwischen Inuktitut und Deutsch sind enorm!  Dafür haben die Kommunikations- und sprachliche Expeditionen immer sehr zur gegenseitigen Erheiterung beigetragen.

An einem Ort wie diesem zu leben verschiebt die Prioritäten die man für sich ansonsten im sogenannten richtigen Leben setzt;  einem Leben, in dem der tägliche hektische Druck von außen und vor allem der hausgemachte Druck dem man sich selber pausenlos unterwirft die Zeit raubt,  innezuhalten und achtsam gegenüber der Welt und gegenüber sich selbst zu sein. Man redet sich ein – selbst wenn man denn wöllte – keine Zeit für sein Leben zu haben. Dabei gibt es nichts wichtigeres als genau das zu tun – nämlich nicht nur überleben, sondern tatsächlich ein richtiges Leben zu leben – mit Kunst, Handwerk, einer Arbeit die einen ausfüllt und, in meinem Fall, mit Schreiben. Jeder nach seinem Gusto, Hauptsache man tut’s !

tusaatsiarunnanngittualuujunga„  –  Ich kann nicht sehr gut hören“  Sprichwort in Inuktitut (aus„ Sprache des Menschen“).

Es ist nicht (immer) notwendig mit Worten zu sprechen –  oder mit den Ohren Worte zu hören. Öfter mal auf  die innere Weisheit lauschen, Ruhe und Gelasssenheit finden, achtsam sein, und das loslassen von allem Altem und lang Vergangenem nicht zu vergessen! Wichtig: das Leben genießen, die Natur respektieren, sich selbst und andere lieben und wertschätzen –  und mit dem HERZEN REDEN und HÖREN.

Das ist sie, die zugegebenermaßen nicht immer einfache Antwort für ein zufriedenes und erfülltes Leben.  TADA!

Und was bedeutet dies alles nun für mich?  Tja, ich nehme es für meine Person als eine – übrigens alljährlich wiederverwend- und verwertbare –  sowas von „entfesselnde“ Erkenntnis für ein erfolgreich in die Freiheit zu entlassendes vergangenes Jahr.  Tschüss 2019!

Comments

  • Karin Schuhmacher
    REPLY

    Love it ❤️

    31. Mai 2020

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