Alte Hexenzöpfe

Der Tag war sehr heiß gewesen…..

…. und obwohl es schon früher Abend war, stand die Hitze noch immer regungslos in der Luft. Langsam kroch die Dämmerung heran, gefolgt von einer Wand bedrohlich aussehender schwarzer Wolkenformationen, in denen grelle Blitze in bizarren Formen tanzten. Es war sehr still, nur in der Ferne hörte man dumpfes Grollen. „Das kann ja heiter werden“, Tulipa seufzte, „Gewitter sind so gar nicht mein Ding.“ Noch immer seufzend strich sie sich die langen, schwarz-glänzenden Haare glatt. Wie gerne würde sie diese Haarpracht abschneiden, vor allem bei dieser Hitze.

„Eine Hexe mit kurzen Haaren – das hat es seit Anbeginn der Hexenzeit nicht gegeben – und du wirst nicht die erste Hexe mit kurzem Haar sein, so wahr ich Mandragona heiße – Schlangenei und Krötendreck!“ schrie Tulipas Patentante, als Tulipa ihr erzählte, dass sie sich im Haarsalon Zur Scharfen Schwarzen Schere die Haare kurz schneiden lassen wollte. Selten hatte sie Mandragona so aufgebracht gesehen, obwohl ihre Patentante weit über die Grenzen des Hexenlandes hinaus für ihr aufbrausendes Temperament bekannt war. Und Oberhexe war sie auch, da hieß es also doppelt vorsichtig sein! Tulipa setzte den Hexenhut auf und zog ihre schwarzen Kniestrümpfe hoch.

Noch immer war es drückend heiß und das Donnergrollen war viel lauter geworden als vorher. „ICH denke ja, diese alten Zöpfe gehören abgeschnitten – im wahrsten Sinne des Wortes. Aber das muss wohl warten bis ich Oberhexe geworden bin“, murmelte Tulipa. Sie sah sich bei ihren Worten nach allen Seiten um. Manche der Hexen konnten nämlich kilometerweit hören oder sogar Gedanken lesen. Und einige dieser Damen waren sich auch nicht zu schade, das Gehörte an Tante Mandragona weiterzusagen. Wagemut und Donnerschlag! Da konnte man echt Ärger bekommen, wie Tulipa wusste. Das Leben war nicht einfach als Hexe. Ihre beste Freundin Paisley hatte zum Geburtstag einen Spiegel der Geduld bekommen. Vielleicht wäre so ein Spiegel auch was für sie. Naja, wenn sie ehrlich war, wohl eher nicht.

Tulipa stand vor der alten Weide und wie immer schwankte sie bei ihrem Anblick zwischen Freude und ein bisschen Angst. Die Weide war der schönste Baum den Tulipa kannte und ihr Lieblingsbaum. Sie hatte einen dicken, rissigen Stamm, der innen teilweise hohl und mit allerlei Pflanzen und Moosen bewachsen war und der Eichhörnchen, Vögeln und Kleingetier als Unterschlupf diente. Die Weide war über 30m hoch und ihre knorrigen, mit unzähligen Blättern bewachsenen Zweige formten einen riesigen grünen Baldachin, unter dem sich Tulipa immer sicher und geborgen fühlte.
„Über 600 Jahre ist die Weide alt und sie hat schon so viel gesehen“, erzählte Tulipas Onkel, der große Zauberer Breckenzorpf, wenn er aus dem Buch Geschichten für brave Hexen vorlas; „sie kann in die Herzen sehen und weiß daher ganz genau ob die Hexe gut oder böse ist“. Das hörte Tulipa nicht so gerne und sie hatte immer ein bisschen Angst wenn sie die Weide besuchte. Aber der alte Baum rauschte freundlich mit seinen Blättern wenn er sie sah. „Na ja, „dachte sich Tulipa“, aber trotzdem vorsichtig sein – man weiß ja nie.“

In der Zwischenzeit hatten sich die schwarzen Wolken über der Weide aufgetürmt und die ersten schweren Tropfen fielen auf die Erde. Der Donner grollte und es blitzte in einem fort. Tulipa war froh, dass die alte Weide sie trocken hielt und beschützte. Sie lief um den dicken Stamm herum und bewunderte die vielen eingeritzten Anleitungen für Liebestinkturen, Zaubertrank-Rezepte und Beschwörungsformeln. Herzen in allen Größen und Formen waren in der braunen Rinde verewigt worden. Viele der Gravierungen waren alt und unleserlich geworden und Tulipa konnte nur mit Mühe Namen und Zahlen entziffern. Was wohl aus all den eingeritzten Träumen und Wünschen geworden war? Sie hatte eine Idee. Sie holte ihr Zaubermesser aus der Manteltasche und ritzte ein Herz mit ihrem Namen und Geburtstag in die Rinde der alten Weide. Tulipa, am 4. Januar 1456. In dem Herz war genügend Platz für einen zweiten Namen und ein Datum. Ein Datum für einen Hochzeitstag vielleicht? Wer weiß. Tulipa kicherte. Sie trat einen Schritt zurück und bewunderte ihr Werk. Sie war so beschäftigt gewesen, dass sie gar nicht bemerkt hatte, wie das Gewitter weitergezogen war. Es war ganz dunkel geworden, der Mond schien durch die Blätter und auch der Regen hatte aufgehört. Tulipa schüttelte den nassen Besen aus. Sie rief der Weide zu: „Bis bald, mach’s gut“, und ritt auf ihrem Besen davon in die Nacht.

„Meine Güte“, stöhnte Tulipa, „wie heiß es heute ist. Das ist ganz bestimmt der heißeste Sommer in den letzten paar hundert Jahren. Oder aber ich werde wohl doch langsam alt, das könnte auch sein. Wir schreiben das Jahr 1716 – und ich bin zweihundertsechzig Jahre alt. Das ist schließlich kein Pappenstil, nicht einmal für eine Hexe wie mich!“
Tulipa hatte eine Idee. Sie kannte einen Platz, an dem es auch im Sommer immer schattig und vor allem kühl war. Sie bestieg ihren Besen und schon nach kurzer Zeit konnte sie die alte Weide sehen. „Hallo“, rief Tulipa, „da bin ich und wie schön Dich zu sehen!“. Tulipa glitt von ihrem Besen und lief auf die alte Weide zu. Mit beiden Händen schob sie die bis auf die Erde hängenden Zweige auseinander und tauchte ein in ein Meer von kühlem und besänftigend stillem Grün. Es roch nach Moos und Pilzen und Tulipa ließ sich auf die Erde sinken. Wie sehr hatte sie das alles hier vermisst. Sie konnte gar nicht verstehen, dass sie nicht öfter hierhergekommen war; es war sicher einige Jahrzehnte her seit ihrem letzten Besuch. Sie schüttelte über sich selbst den Kopf. Immer war etwas zu tun. Die alte Hexe Mandragona war so alt geworden, dass sie Sommers wie Winters Pfeifchen rauchend in ihrem Lehnstuhl saß oder schnarchte. Tulipa war schon seit vielen Jahren Oberhexe. Sie selbst war auch ruhiger geworden. Viele der alten Zöpfe, über die sie als junge Hexe gescholten hatte, waren immer noch dran. Sie strich sich über die schönen, langen grauen Haare und lächelte. Die alte Mandragona hatte schon gewusst worauf es ankam. Tulipa liebte ihren Job als Oberhexe, aber trotzdem war ihr immer öfters alles zu viel. Nie war genug Zeit, um alles zu erledigen und vor allem war nie genug Zeit für die Dinge, die für sie selber wichtig waren. Für die Liebe zum Beispiel….

…….Tulipa erinnerte sich. Sie stand auf und lief um den Stamm der alten Weide herum. Es dauert ein Weilchen bis sie es fand. Da war es.
Ganz verblichen und ein Teil der Jahreszahl war mit grünem Moos überwachsen. Der Platz für den anderen Namen und für ein Datum blickten sie leer und ein bisschen vorwurfsvoll an. „Warum nicht“, frage der leere Platz. „Ja, warum nicht“, sagte Tulipa. Sie wusste es eigentlich auch nicht so genau. Kandidaten hatte es wohl gegeben, Affären in denen sie sich eingeredet hatte, DER ist es, nur um dann irgendwann festzustellen, dass sie sich wieder einmal geirrt hatte. Was die Liebe betraf, bestand ihr Leben über die Jahre aus Hoffnung, Kompromissen und Enttäuschungen. Eine Zeitlang hatte sie sich eingeredet, sie sei wohl zu wählerisch, aber – sie hatte ihre Grenzen, Kompromisse hin oder her. Irgendwann gab sie auf. Sie konnte sich doch keinen Mann zaubern, oder? Tulipa kicherte; eine Hexe, die sich keinen Mann zaubern kann. Lustig. Und jetzt?  Sie war zufrieden, meistens. Sie dachte an das Gesicht, dass sie jeden Morgen im Spiegel anblickte. Sie mochte ihr Gesicht. Soweit so gut. Bloß – wer wollte schon eine alte Hexe haben?

Vor Jahren hatte sie Spaziergänger im Wald belauscht, die sich über das Leben und die Liebe unterhielten. Und über eine Freundin von ihnen, die gerade von ihrem Liebhaber verlassen wurde. „Die kriegt keinen mehr ab, DER Zug ist abgefahren“, sagte eine der Frauen hämisch. Sie hatte damals nicht verstanden, was damit gemeint war. Nun wusste sie es. Man lernt eben nie aus. Nicht einmal als Hexe.

Tulipa seufzte. Dann lächelte sie. Denn sie erinnerte sich an eine Lebensweisheit Madragonas:

Liebe kommt und Liebe geht,
Glück wird wie der Wind verweht.
Krötenspeck und Elfenstein,
der Nächste wird der Meine sein!

 


 

Thema: „Der Zug ist abgefahren“; Literaturwerkstatt Colibri Leonberg / 2017

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