Der Tag war sehr heiß gewesen. Obwohl es schon früher Abend war, stand die Hitze noch immer regungslos in der Luft. Langsam kroch die Dämmerung heran, gefolgt von einer Wand bedrohlich aussehender schwarzer Wolkenformationen, in denen grelle Blitze in bizarren Formen tanzten. Es war sehr still, nur in der Ferne hörte man dumpfes Grollen. „Das kann ja heiter werden“, Tulipa seufzte, „Gewitter sind so gar nicht mein Ding.“ Noch immer seufzend strich sie sich die langen, schwarz-glänzenden Haare glatt. Wie gerne würde sie diese Haarpracht abschneiden, vor allem bei dieser Hitze. „Eine Hexe mit kurzen Haaren – das hat es seit Anbeginn der Hexenzeit nicht gegeben – und du wirst nicht die erste Hexe mit kurzem Haar sein, so wahr ich Mandragona heiße – Schlangenei und Krötendreck!“ schrie Tulipas Patentante, als Tulipa ihr erzählte, dass sie sich im Haarsalon Zur Scharfen Schwarzen Schere die Haare kurz schneiden lassen wollte. Selten hatte sie Mandragona so aufgebracht gesehen, obwohl ihre Patentante weit über die Grenzen des Hexenlandes hinaus für ihr aufbrausendes Temperament bekannt war. Und Oberhexe war sie auch, da hieß es also doppelt vorsichtig sein! Tulipa setzte den Hexenhut auf und zog ihre schwarzen Kniestrümpfe hoch.