Geißblatt Tango

Schlaftrunken richtete sie sich im Bett auf. Stille. Dunkelheit. Ein kurzer Moment von Panik. Einatmen und ausatmen. Stille. Sie drehte ihren Kopf und blickte auf die kleine schwarze Uhr auf dem Fernsehtischchen. Die rote Leuchtziffer zeigte 2.55 Uhr. Mit einem tiefen Seufzer ließ sie sich zurück in die Kissen fallen. Sie war so müde. Warum nur war sie aufgewacht?  Sie war früh zu  Bett gegangen. Kurz nach 21.00 Uhr. Ausnahmsweise war es ihr gelungen, den dröhnenden Fernseher der Nachbarn zu ignorieren. Auf ihr geliebtes Glas Wein hatte sie verzichtet und stattdessen Fencheltee getrunken. Für eine gute Nachtruhe. Trotzdem war sie nun wach. Die Bettdecke fest um sich gewickelt drehte sie sich auf die andere Seite und schloss die Augen. Weiterschlafen. Sie hatte immerhin noch 3 Stunden bis zum aufstehen. Immer wachte sie  zur gleichen Zeit auf. Punkt 6.00 Uhr. Immer. Ohne Wecker, den brauchte sie seit Jahren nicht mehr. Egal wie viele Stunden sie geschlafen hatte oder wie müde sie war, ihre Augen öffneten sich immer zur selben Zeit. Einatmen, ausatmen. Einatmen, ausatmen. Einschlafen. Ihre Blase meldete sich.  Sie beschloss, sie zu ignorieren. Ja klar. Als ob das schon einmal funktioniert hätte. Sie stand auf und ging ins Bad.  Das Licht am Spiegelschrank zeigte ihr ein blasses, müdes Gesicht. Wie immer um diese Uhrzeit  reflektierte es die Spuren zahlloser schlafloser Nächte. Egal, dachte sie, es ist eh zu spät für Alles.

Im Schlafzimmer schien ein Streifen Mondlicht durch die Jalousie und lockte sie mit seinem magischen Schein hinaus auf die Terrasse. Es war Ende August und die Bäume im gegenüberliegenden Garten veränderten schon zaghaft die Farbe an ihren Blättern. Der vergangene Tag war noch einmal richtig sommerlich heiß gewesen. Nun war es kühl und klar, die Luft war angenehm mild und am Himmel leuchteten vereinzelte Sterne. Sie schlüpfte aus ihren Hausschuhen und spürte die rauen, angenehm warmen Fliesen des Terrassenbodens unter ihren Fußsohlen. Auch der Bademantel war entbehrlich. Sie zog ihn aus. Die Luft, vermischt mit dem betörenden Duft der Geißblatthecke, fühlte sich auf ihrer bloßen Haut warm und samtig an. Ihre Müdigkeit war verschwunden. Sie öffnete die alte Gartenlade, holte das Sitzkissen für den Terrassenstuhl und den kleinen Fußhocker heraus. Es war sehr still, kein Laut war zu vernehmen. Die nur wenige Kilometer entfernte Autobahn war zu kaum hören.

Tief einatmend fühlte sie, wie die Anspannung langsam ihren Körper verlies. Eigentlich war es kein Wunder, dass sie nicht schlafen konnte. Sie fühlte sich schon so lange Zeit so müde und so erschöpft. Von der Welt rundum überfordert. Immerzu wollte diese Welt etwas von ihr. Sie ließ ihr keine Ruhe und verfolgte sie Tag und Nacht mit ihren Forderungen.  Die meiste Zeit fühlte sie sich außerstande, die Ansprüche der Welt zurückzuweisen oder wenigstens ignorieren zu können. Sie hatte versuchte sich vor der Welt zu verstecken, aber die fand sie überall. Davonlaufen? Die Welt war schneller. Ihr Versuch, sie in ein Gespräch zu verwickeln, scheiterte, denn die Welt ließ sich nicht  von ihren Argumenten überzeugen. Die Welt war nie zufrieden mit ihren Anstrengungen, es ihr recht zu machen und wies ihre Friedensangebote verächtlich zurück. Sie lachte sie immer nur aus. Es war kein schönes Lachen. Es war kalt, böse und verletzend und es ängstigte sie. Irgendwann am Ende ihrer Weisheit und Kraft angelangt gab sie ihre Versuche auf, Freundschaft zu schließen. Seither lief sie wie so viele andere die den Ausstieg nicht geschafft hatten, im Hamsterrad der Welt mit – erschöpft, keuchend und nach Luft schnappend. Genug davon, dachte sie, diese Gedanken vertreiben meine für diesen Augenblick erkämpfte zerbrechliche Ruhe. Sie schloss ihre Augen. Eine Tasse Tee würde ihr jetzt gut tun. Sie schlüpfte wieder in ihren Bademantel und füllte den Wasserkessel in der Küche.

An  ihrer Wade spürte sie eine Berührung. Ihr Kater war von seiner nächtlichen Expedition durch die Nachbarschaft nach Hause gekommen. Er maunzte und strich um ihre Beine, sichtlich erfreut sie wach und auf zu sehen. Sie füllte seinen Napf und stellte ihn auf den Boden, wo er sich zufrieden schnurrend darüber hermachte.  Wie so oft betrachtete sie ihn mit einer Mischung aus Bewunderung und Neid. Bewunderung darüber dass, was auch passierte, er sich immer sicher, versorgt und geliebt wusste. Es war offensichtlich, dass dieser Umstand für ihn eine unverrückbare Tatsache und gleichzeitig sein Geheimnis war, so vertrauensvoll und entspannt durch sein Leben zu spazieren. Seine Gabe, bei allem was er tat so ganz und gar kompromisslos im Hier und Jetzt zu leben, weckte ihren Neid. Es kam ihr vor wie Magie  und erfüllte sie mit einem tiefen Sehnen nach dieser Kunst. Bewundernswert auch empfand sie sein Talent, so gar nicht nachtragend zu sein, egal ob er tatsächlich etwas ausgefressen hatte oder zu Unrecht einen Ausbruch ihrer schlechten Laune zu spüren bekam – nach kurzer Zeit war er wieder da, schnurrend und in Erwartung ausgiebiger  Streicheleinheiten, alles war vergeben und vergessen. Sie bückte sich zu ihm hinter und streichelte sanft seinen Rücken.

Der Tee war fertig.  Auf dem Weg nach draußen nahm sie eine Wolldecke aus dem Schlafzimmer mit.  Die rote Leuchtziffer zeigte 4.00 Uhr.  Es war kühler geworden.  Sie kuschelte sich in die Decke und nahm einen Schluck Tee. Ihr Kater kam auf die Terrasse und rollte sich zum Schlafen neben dem Fußhocker zusammen. Noch immer war es sehr still. Nicht mehr lange und der Tag würde beginnen. Ein weiterer Tag auf dieser Welt, laut, hektisch, anstrengend – und sie mittendrin. Mühsam die Balance haltend den nie endenden Stolperfallen des Lebens ausweichend. Manchmal hatte sie Glück und es war einer dieser Tage an dem das Leben beschloss, ihr was Gutes zu tun. Sie entdeckte ein neues Buch, ein Kind lächelte sie an, im Briefkasten wartete Überraschungspost, Blüten öffneten sich an einer ihrer zahllosen Pflanzen. Und wenn schon! Was zählte schon ein guter Tag zwischendurch?  Es reichte nicht,  es war nicht genug – das Plus-/Minus-Konto ihres Lebens war weit davon entfernt ausgeglichen zu sein und sie hatte keine Ahnung wie sie diesen Zustand ändern konnte. Oder wo sie die Kraft dafür hernehmen sollte. Sie wusste ja nicht einmal mehr, ob sie überhaupt noch wollte, dass sich etwas änderte. Sie war erschöpft vom ständigen kämpfen. Etwas tief drinnen in ihr hielt es für wahr, dass Glücklich sein für sie nicht den Sternen lag.

Der Himmel war heller geworden, am Horizont schimmerten Wolken in lila und gold.  Zwei Amseln versuchten auf dem noch feuchtkühlen Rasen im Nachbargarten die Regenwürmer und Raupen einzufangen, bevor diese im warmen Sonnenlicht im Boden verschwanden.  Sechs Schläge von der Kirchturmuhr. Ihre Zeit zu Aufstehen. Sie hatte keine Lust auf diesen Tag.  Sie beschloss einen Kaffee aufzubrühen und ihn auf der Terrasse zu trinken. Vielleicht fühlte sie sich ja  danach besser. Der Kaffee schmeckte wunderbar heiß und stark. Mit extra Sahne und zwei Päckchen Zucker, das war das Geheimnis. Die Wolldecke fühlte sich feucht an und auf dem Fußhocker waren neben ihren Füßen nebeneinander ordentlich aufgereiht winzige Tautropfen zu sehen. Der blassblaue Himmel spiegelte sich in ihnen. Sie wickelte sich in ihre Decke und ließ sich einen Moment gefangen nehmen von der unendlichen Schönheit der Natur.

Sie atmete tief durch. Immer schon mochte sie den Herbst. Auf eine magische Weise hatte sich dieses mögen  in den  letzten Jahren, in denen sich die Tatsache des Älterwerdens  immer mehr in ihrem Leben eingenistet hatte, in ein tiefes Gefühl der Zuneigung verwandelt.  Wachsen, Werden und Sein. Reife und Vollendung. Der Herbst erfüllte ihre Sehnsucht nach  Vollkommenheit und Erfüllung. Sie liebte die von der Natur in Szene gesetzten unvergleichlichen Farbkompositionen, an denen sie sich nie sattsehen konnte und welche sie alljährlich in Versuchung führten, „Vorhang auf, Eintritt frei!“  in die Welt  hinaus zu rufen.  Der Geruch des Herbstes nach süßen Äpfeln und Zwetschgen,  ein nebeliger Morgen gefolgt von einem warmen, sonnigen Herbsttag, ein Spaziergang durch kornblumenübersäte  Wiesen summend und brummend von Bienen, war für sie Seelenbalsam pur. Es erfüllte sie mit einem Gefühl von Geborgensein und Zufriedenheit. Mit einem Gefühl wie sie es nicht kannte, warm, beständig  und voll mit  Lebensfreude. Spürte man so DIE Liebe?

Sie kannte nur eine  Art von Liebe.  Diese Liebe zerplatzte wie Seifenblasen, war vergänglich wie die Zeit. Dennoch hatte jeder  Beginn ihrer Liebesbeziehungen sehr viel Ähnlichkeit mit ihren Gefühlenl für den Herbst. Wie im Herbst sah sie berauscht wie ihre Welt sich in einen Ort voll irisierender Farben verwandelte.  Sie war erfüllt von dem Gefühl, in einem mit warmem Sonnenlicht durchleuchteten Feuerwerk zu tanzen,  ihr Leben eingetaucht in ein Kaleidoskop von schillerndem Licht.  Alles war gut. Aber so sehr sie sich auch bemühte den Glanz dieser Farben zu erhalten, unvermeidbar tauchten irgendwann die ersten dunklen Kleckse und Tupfer darin auf. Anfangs störten sie nicht wirklich.  Im Gegenteil – sie ließen die funkelnden Farben noch mehr erstrahlen, verliehen dem Ganzen eine unwiderstehliche und unentwirrbare Tiefe.  Mit der Zeit aber gerieten die dunklen Gebilde außer Kontrolle, sie wurden immer größer, flossen auseinander und färbten sich pechschwarz. Mehr und mehr nahm die Dunkelheit überhand,  bis von den Farben nichts mehr übrig und alles in ein stumpfes Schwarz versunken war. Sie zog die Decke enger um sich.  Sie spürte, dass ihre Seele das Ende jedes Liebestraumes schon von Beginn an wusste. Und sie blieb von Mal zu Mal mehr versehrt und zerbrochen zurück. Warum nur fiel sie trotz allem immer wieder sie auf diese Gefühle herein?

Auf einmal war die Wut da. Sie hatte sie nicht kommen sehen. Heiß und überbrodelnd. Sie setzte sich auf ihre Brust bis sie kaum mehr atmen konnte, tobte durch ihren Bauch,  schwirrte wirbelnd durch ihren Kopf und ließ ihre Hände zittern, schweißnass und verkrampft.

Atmen, ganz tief und ruhig atmen. Sie wusste, es war noch nicht vorbei.

Wut, Teil 2……

…… Immer wurde SIE verlassen. Immer wurde SIE weggeschickt. Immer litt SIE, anderen machte es anscheinend nie so viel aus wie ihr. Sie kapierte es einfach nicht. Traurig und verzweifelt lies es sie zurück.  Auf verlorenem Posten.  Es musste an ihr liegen, Andere schafften es doch auch eine Partnerschaft, ein ausgefülltes Leben, einen befriedigenden Job, Freunde, Zufriedenheit aufzubauen und zu erhalten. Nur sie schaffte gar nichts. Sie hasste sich dafür, dass es so war. Sie hasste sich für ihr Jammern und ihre Hilflosigkeit.  Das konnte doch nicht alles sein, dieses Leben, frustriert, ohne Freude, nach dem Motto Überleben statt leben.

Jetzt reiß dich doch endlich mal zusammen, so viel Zeit bleibt dir doch gar nicht mehr…………  sagte die Wut. Und verschwand. Bis zum nächsten Mal.

Sie nahm einen Schluck kalten Kaffee. Die Welt um sie herum geriet wieder in Fokus und erwachte zum Leben.  Es war Zeit für Änderungen. Höchste Zeit für einen Plan. So ging es nicht weiter. Das überlebte sie sonst nicht. Sie wollte so auch nicht weiterleben. Ändern wäre eine Möglichkeit. einfach aufgeben und sich damit abzufinden, dass das bisher Erlebte und Erreichte alles war, was das Leben ihr zu bieten hatte war die andere Option. Sie machte sich nichts vor, letzteres hörte sich viel einfacher und entschieden entspannender an. Auch schloss diese Variante weitere Niederlagen aus, ein nicht zu unterschätzender Vorteil in ihren Augen.

So rum oder so rum.

Die Sonne war aufgegangen,  die Tautropfen neben ihren Füßen waren verschwunden. Ihr Kater öffnete träge ein Auge. Er rekelte sich ausgiebig und marschierte in Richtung Küche in der Hoffnung auf einen morgendlichen Snack.  Ihr war kalt. Sie stand auf, atmete tief ein, dehnte ihren Rücken und streckte ihre Arme weit weg von ihrem Körper. Wie Engelsflügel. Ihre Beine fühlten sich vom langen Sitzen ganz steif an. Langsam ging sie zurück ins Haus.

 

 

 

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