In der Badeanstalt

„Oh nein, ich will da nicht rausgehen. Ich kann da einfach nicht rausgehen“, flüsterte Suse, die Backen rot vor Aufregung. In der Umkleidekabine war es feucht und stickig und Suse schwitzte. Die Holzbank auf der sie saß, war glitschig und roch schimmelig. Sie musste sich beruhigen, sie musste da raus, sie konnte doch nicht den ganzen Tag in dieser Kabine sitzen. Die Tränen brannten in ihren Augen und der Kloß in ihrem Hals wurde immer größer. Ein Kloß, fast so groß wie Frau Birnbaums selbstgemachte Speckkartoffelknödel – und DIE waren groß. Frau Birnbaum war Suses Nachbarin. Von ihrem Zimmerfenster im Dachgeschoß konnte sie sehen, wie Frau Birnbaum jeden Samstag frisch gekochte Speckkartoffelknödel fein säuberlich aufgereiht und vor sich hin dampfend zum Abkühlen auf ihren Küchenfenstersims stellte. Und genau so ein großer Knödel schien Suse jetzt in ihrem Hals zu stecken.

Vom Schwimmbecken her kam Gelächter, Stimmengewirr und das Geräusch von spritzendem Wasser. Suse vernahm das Tapsen nackter Füße auf den Holzbohlen vor den Kabinen. Begleitet von hellem Gekicher kamen die Füße näher und blieben vor der Nachbarkabine stehen. Scharniere quietschten, als die Türe geöffnet wurde. Die Kabine füllte sich mit Geplapper und dem Duft von Sonnencreme, die nach Kokos roch. Eine mit rosa Blümchen bestickte Badetasche fiel auf den Boden. „Meine Tasche“, erklang eine aufgeregte Stimme, „pass doch ein bisschen auf.“ Es rumpelte und polterte und Suse saß ganz still; sie wollte nicht, dass die beiden Mädchen in der Nachbarkabine sie bemerkten. „Hast Du gesehen, Horst aus der vierten Klasse ist da, der wird heute wieder Stielaugen kriegen.“ „Meinst du wirklich? Ich bekomme schon Herzklopfen, wenn ich nur an ihn denke. Übrigens, sitzt meine Haarschleife hinten richtig?“. Die Kabinentüre klappte zu und lachend liefen die Mädchen in Richtung Schwimmbecken davon. Suse spickte durch die Holzlatten. Was für schöne lange Zöpfe sie hatten! Suses Haare waren ganz kurz geschnitten. Mama schnitt ihr die Haare immer selbst, der Friseur war zu teuer. Praktisch muss man denken, sagte Mama immer, Zöpfe hin, Zöpfe her. Und erst die Badeanzüge! Neidvoll sah Suse den Mädchen hinterher. Sie seufzte tief und blickte an sich hinunter. Da war er, der Grund ihrer Verzweiflung, der Grund, warum sie um keinen Preis die Umkleidekabine verlassen wollte. Suse trug nämlich einen selbstgenähten Badeanzug aus himmelblauem Frottee! Sie kämpfte erneut mit den Tränen, sie sah bestimmt in dem Badeanzug abscheulich aus und jeder würde über sie lachen, es konnte gar nicht anders sein! Einmal hatte sie im Kinderplanschbecken einen kleinen Buben beobachtet. Er stand in der Mitte des Beckens und versuchte vergebens mit seinen kurzen Beinchen zum Beckenrand zu laufen. Seine Badehose aus Frottee hatte sich mit Wasser vollgesogen und er sah aus wie ein kleiner dicker Kürbis. Suse konnte damals gar nicht mit Lachen aufhören.
Jetzt dachte sie an ihren neuen Frottee-Badeanzug. Sicher würde sie damit im Wasser wie eine große, himmelblaue Krake aussehen! Suses Bruder nannte sie `Fräulein Bohnenstange,  so ein großes Mädchen war sie im letzten Jahr geworden. Ihre Kleider passten nicht mehr und auch der Badeanzug war zu klein. Eine ganze Woche lang blätterte Suse Mamas neue Frühjahrs- und Sommerkataloge durch. Sie stellte sich vor, wie schön es wäre, sich einen Badeanzug aussuchen zu dürfen. Und nun war gestern Oma zu Besuch gekommen und hatte ihr voller Freude den himmelblauen Frottee-Badeanzug in die Hand gedrückt. „Ich habe den Badeanzug ein bisschen größer genäht“, sagte Oma zu Mama, „dann kann Suse ihn nächstes Jahr auch noch tragen“. Mama nickte zustimmend. Suse starrte fassungslos auf ihren neuen Badeanzug. „Mit der Überraschung hast Du nicht gerechnet, gell“, sagte Oma. Mama und Oma lachten und gingen in die Küche. Suse konnte sich nicht rühren. Enttäuschung hatte sich in ihr breit gemacht und heißer Zorn war in einem Tränenschwall ihre Wangen hinunter gerollt. Es war so ungerecht! Voll Verachtung hatte sie den Badeanzug zusammen geknüllt, war in ihr Zimmer gestürmt und hatte den Badeanzug unter ihr Bett geworfen. So! Papa sagte immer, man müsse sich etwas nur ganz arg wünschen, dann ginge es in Erfüllung. Oh, wie sehr hatte sie sich gewünscht, dass der Badeanzug morgen früh verschwunden sei. Aber er war am nächsten Morgen immer noch da gewesen. Ganz zerknittert lag er da und wartet darauf, dass Suse ihn aufhob und die Badetasche steckte, denn heute sollte es ins Freibad gehen.

Suse wickelte sich in ihr großes Badetuch und öffnete die Kabinentür. Oma saß am Rand des Schwimmbeckens und ließ die Füße im Wasser baumeln. „Suse“, rief sie, „lass deinen Badeanzug sehen, ich bin gespannt, wie er dir passt.“ Schüchtern wickelte sich Suse aus ihrem Badetuch heraus. „Gut siehst du aus“, sagte Oma, „aber wenn du so weiter wächst, müssen wir nächstes Jahr wieder einen Badeanzug für dich nähen.“ Vor Erleichterung wurde es Suse sogar ein bisschen schwindelig. Das Wasser glitzerte und funkelte mit Suses Lächeln um die Wette. Sie legte sich auf den Rücken und genoss die warmen Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht. Sie würde sich ein Sparschwein zulegen. Für nächstes Jahr. Für einen roten Badeanzug aus dem Neckermann Katalog.

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