KFK – Küchengeschichten für Kai

Geschichte Eins

Eine Bratpfanne namens Marianne

„ Guuuuten morgen! Alles aufstehen, aber dalli!“ Pok-Pok stürmte in die Küche. Hinter ihm fiel die Türe krachend ins Schloss. Vom Knall schüttert pendelten die bronzefarbenen Zapfen der Schwarzwalduhr an der Wand neben der Türe aufgeregt hin und her und verhedderten sich unentwirrbar ineinander. Das Uhrwerk stöhnte gequält. Jeden Morgen dasselbe Drama!

Schwungvoll zog Pok-Pok den Rollladen am Küchenfenster hoch. Helles Sonnenlicht strömte in den Raum.  Pok-Pok füllte frisches Wasser in den Wasserkocher und schaltete das Radio ein.

Er gehört zu mir´……

„Oh nein“, die alte gusseiserne Bratpfanne über dem Herd wurde blass unter ihrer verblichenen, mit altem Fett verkrusteten Patina.

‚wie mein Name an der Tür‘…..

„Marianne Rosenberg am frühen Morgen – und der Tag ist erfüllt mit Kummer und Sorgen!“  Sie seufzte tief.  Sie konnte diese Tussi nicht leiden –  geschweige ihre Stimme hören ohne das es ihr kalt den Pfannenrücken hinunterlief.  Dass sie sich aber auch ausgerechnet mit dieser Dame denselben Vornamen teilen musste … !

Die alte Bratpfanne hatte in ihrem langen, geschwärzten Leben schon einiges erlebt; literweise billiges und ranziges Öl wurden in ihr verbrannt und ruinierten so ihr vormals beeindruckend glänzendes Aussehen. Einmal wurde sie glühend heiß in eisiges Wasser geworfen; es knallte furchtbar, roch wie die Hölle und blitzte beängstigend in allen Farben. Seitdem hatte sie Angst vor Silvester und lies diesen, ihrer Meinung nach sowieso völlig überflüssigen Event, jedes Jahr mit fest verschlossenen Fettaugen über sich ergehen.

Einigermaßen unbeschadet überlebte sie diverse Reinigungsversuche von Messer, Gabel und sonstigen ungeeigneten Schab- und Kratzwerkzeugen.

Am schlimmsten aber hatte sie ihre erste Begegnung mit einer Spülmaschine in Erinnerung!  In dieser Teufelsmaschine stapelten sich über- und durcheinander die verschiedenartigsten Küchenutensilien; sie selbst wurde in die hinterste untere Ecke eines Geschirrkorbes gequetscht,  direkt neben einen verbeulten Milchtopf, der wieder und wieder mit zitternder Stimme „lasst mich hier raus, ich schaff das nicht – mir wird bestimmt wieder übel“ rief.  Und der vor lauter Angst so schwitzte, dass die Milchreste an seinem Topfboden unangenehm ranzig muffelten.  In einem Gitter über ihr standen zitternd zwei kristallene Sektgläser, die erfolglos gegen Tränen ankämpften und dabei hektisch eine Banderole mit der Aufschrift „nicht Spülmaschinenfest!“ hin und her schwenkten.

Im Besteckkorb rumorte es gewaltig; es gab ein mords Durcheinander von Messern, Gabeln und Löffeln,  die sich –  untermalt von unfreundlichem Gemurmel – heftig hin und her schubsten und um einen Platz kämpften.  Dann passierte es: ein kleiner Teelöffel stürzte und verhakte sich am Seitengitter des Besteckkorbs! Der kleine Teelöffel schrie wie am Spieß!

Das Salatbesteck aus altem Silber, fleckig mit grün-gelbem Edelrost, blickte sich konsterniert an. „So was hätte es zu meiner Zeit nicht gegeben“, schnarrte der Salatlöffel entrüstet, „da herrschte noch Zucht und Ordnung. Löffel zu Löffel, Gabel zu Gabel und Messer zu Messer!“  „Und natürlich müssen ALLE  in die gleiche Richtung blicken!“, ergänzte die Salatgabel mit süffisanter Stimme und reckt ihre spitz zulaufenden Zinken pikiert in die Höhe.

„Und natürlich müssen ALLE  in die gleiche Richtung blicken!“ feixten die zahlreichen Suppenteller, die kreuz und quer in der Spülmaschine verteilt waren und die ganze Zeit ausgelassen kicherten und gackerten. „Ts,ts,ts,“ riefen sie bis ihre eintrockneten Suppenreste von der Glasur abplatzten.

Der Salatlöffel verfärbte sich dunkelgrün vor Zorn.  „Pfff“, quäkte die Salatgabel und räusperte sich heftig. „Ich sage dazu nur:  gemeiner Pöbel!“

Dann geschah etwas. Schlagartig wurde es still. Eine menschliche Hand griff  in die  Spülmaschine und stellte mehrere Kaffeebecher in das obere, überfüllte Gitter. Stumm wurden die Becher von den Insassen der Spülmaschine betrachtet. „T’schuldigens“, meldete sich einer der Neuankömmlinge, ein  braun-weiß getupfter und ziemlich bauchiger Becher zu Wort. Er hatte „Wiener G´Schichten“ quer über seine stattliche Breite geschrieben und schien etwas kurzatmig zu sein. „Können’s bitt´schön a bissl auf´d Seitn rücken?“ fragte er seinen Nachbarn, ein bayerisches Sauerkrautglas das mit fleckigen Krauttresten gesprenkelt war.  „Dös glaab i jetzt aber nett du Bazi!  Wie wär´s mit a bissl weniger G´wicht uff der Waagn?  ansonsta: Glei klatscht’s! Und zwar koan Applaus! „ keifte das Sauerkrautglas aufgebracht.

 „Mah!!“, der dicke Becher schnaufte konsterniert, „Pudel die net so auf!“

Das Sauerkrautglas blickte wild hin und her, holte tief Luft und ….. Mit einem „Rums!“ wurde die Türe der Spülmaschine zugeschlagen. Schlagartig war es stockdunkel. Zuerst passiert gar nichts. Dann fing es an zu ruckeln und zischen und von oben und unten spritzte schwallmäßig Wasser auf die Insassen der Spülmaschine – kaltes und warmes Wasser, Wasser das penetrant nach Reinigungsmitteln roch …  und noch mehr Wasser, und noch mehr –  von überall her kam Wasser. Es war ein Alptraum! Das Salatbesteck hielt sich fest umklammert. Die Sektgläser lagen, zwischenzeitlich ohnmächtig gworden,  auf dem Gitterboden. Der dicke Becher war vollgelaufen mit Spülwasser und umgekippt. Er lag schweratmend quer über dem bayerischen Sauerkrautglas, welches erfolglos aber mit viel Gefluche versuchte, den Becher von sich runterzurollen. Kruzitürken!  Die Bratpfanne bemühte sich den Wassermassen irgendwie auszuweichen, kam aber nicht von der Stelle weil ein mittlerweile vollkommen hysterischer Milchtopf ihren Pfannengriff  fest umklammert hielt.  Die Suppenteller dagegen hatten einen Heidenspaß! Sie johlten vor Begeisterung, bespritzten sich gegenseitig mit Spülschaum und grölten dabei lauthals „We are the Champignons!!“

Und dann war nach einem extra Guss klaren Wassers das Ganze vorbei. Das restliche Wasser versickerte im Siphon, die Luft wurde sehr warm und die Insassen trockneten dampfend vor sich hin. Die Türe öffnete öffnete sich und die Spülmaschine wurde ausgeräumt.

Der Salatlöffel warf einen letzten vernichtenden Blick  in die Runde und verschwand mit seiner Salatgabel wortlos in der Besteckschublade. Die Sektgläser schimmerten erleichtert und noch etwas durchscheinend blässlich vor sich hin – sie hatten es tatsächlich geschafft, dem Tod von der Schippe zu springen! Cheers!

Der dicke Becher und das Sauerkrautglas nickten einander kurz und förmlich zu in der Hoffnung, sich in diesem Leben nicht noch einmal in derselben Spülmaschine zu begegnen!

Die Suppenteller waren sich einig, dass es eine tolle Party gewesen war und diskutierten lautstark über einen neuen Termin. See you later, Alligator!

Der Milchtopf kam langsam wieder zu sich, fiel der Bratpfanne dankbar um den Griff und schwor ihr ewige Freundschaft.

Die alte Bratpfanne aber wollte nur noch eines: zurück an ihren Platz über dem Herd! Sie brauchte dringend ihre Ruhe!  Dieses Abenteuer war echt zu viel für sie gewesen. Noch Wochen später hatte sie deswegen Albträume und diese hatten immer mit viel Wasser zu tun.

Und noch eins: Sie war sich ziemlich sicher, dass der Anfang ihrer überraschend aufgetretenen Laktose Unverträglichkeit auf  die Begegnung mit dem Milchtopf zurückzuführen war. So!

 

´Ist es wahre Liebe (Uh uh uh)
die nie mehr vergeht? (Uh uh uh)´
…..

 

Pok-Pok goss Milch  in seine Tasse und der Duft von frisch aufgebrühtem Kaba erfüllte die Küche. Heute war Sonntag und Pok-Pok freute sich auf ein ausgiebiges Frühstück. Es gab Spiegelei mit Speck, dazu von dem krustigen Brot, das er gestern Abend gebacken hatte. Für dieses Highlight  der Woche war nur das beste Werkzeug gut genug. Pok-Pok nahm die alte Bratpfanne von ihrem Haken und betrachtete sie liebevoll. Wie viele tolle Gerichte hatte er mit ihr schon gezaubert! Er legte großen Wert darauf, sie immer artgerecht und pfleglich zu behandeln und gab sie nicht aus der Hand. Und das aus gutem Grund; nur einmal hatte er die Bratpfanne ausgeliehen und wie groß war sein Entsetzen gewesen als er danach erfahren hatte, dass sie in der Spülmaschine gereinigt worden war! Das würde nie wieder passieren, so wahr er Pok-Pok hieß!

In der Küche roch es einladend nach gebratenem Speck. Pok-Pok legte die kross gebratenen Speckscheiben auf einen Teller und schlug die Eier in die Bratpfanne. Er streute Salz und Pfeffer auf die Eier und verzierte sie mit ein paar Schnittlauchröllchen. Während die Eier in der Pfanne brutzelten, beschmierte er die frischen Brotscheiben dick mit Butter.

Alles fertig!  Er legte die Spiegeleier zu den Speckscheiben und schnupperte – hmmm, wie das duftete! Die Bratpfanne schob er zum Auskühlen auf eine kalte Herdplatte….er würde sie später zusammen mit dem anderen Geschirr reinigen.  Pok-Pok nahm seinen Teller und  vor sich hin summend verließ er die Küche. Die Türe knallte hinter ihm zu. Das Uhrwerk seufzte tief und rollte mit den Augen!

Das wäre mal wieder geschafft, dachte die Bratpfanne; niemand konnte so gut Spiegeleier braten wie sie.  Jetzt war sie erschöpft von der Arbeit;  sie merkte schon, dass sie  nicht mehr die Jüngste war und dass ihr das Braten nicht mehr so leicht fiel wie früher.

Sie atmete tief durch. Sonnenlicht schien warm in die Küche. An der Fensterscheibe summten eine Biene und eine Fliege um die Wette. Alles war still.

Die alte Bratpfanne schlief tief und fest.

 

…. ´Oder wird die Liebe
vom Winde verweht? ´

            (M. Rosenberg/1975)

 


 

Zum Geburstag für Kai, (Pok-Pok!)  Herr der Bratpfannen und unbestrittener König der Spülmaschineneinräumer(innen) – von Lieblingschwägerin Susie/März 2020

 

Comments

  • adminchen
    REPLY

    Großartig! Wir lieben es :o)

    19. März 2020

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