Mathilda und der mysteriöse Umschlag

Gestern Nachmittag kam ich so dir-nix-mir- nix nach Hause und sah schon weitem einen großen bunt-bedruckten Umschlag im Briefkasten stecken. Oh wie schön, dachte ich, Überraschungs-Post! Das kam nicht sehr oft vor, meistens war der Briefkasten leer! Oder, im schlimmsten Fall, wurden unnötige Rechnungen für mich darin abgelegt! Heute sah der Briefkasten allerdings so aus, als ob er gleich überquellen würde. Es war noch ein weiteres Kuvert zu sehen und eine Zeitung, vollgestopft mit jeder Menge unnötiger Prospekte, war so quasi um den bunt-bedruckten Umschlag herumgewickelt. Das Ganze hing über die Hälfte aus dem Briefkastenschlitz heraus und es sah so aus, als ob beim nächsten Windstoß alles davonfliegen würde.

Je näher ich meiner Haustüre und dem Briefkasten kam, desto mehr konnte ich ein helles, aber nicht wirklich verständliches, zischendes Gemurmel hören, dass aus dem großen Umschlag zu kommen schien. Es klang zudem sehr wütend.

Das war eigenartig………………

In meiner Umhängetasche befanden sich zwar die Pillen die ich kurz zuvor in der Apotheke besorgt hatte, da ich mir dummerweise vor 2 Tagen den Rücken verzogen hatte – fragt mich nicht wie ich das mal wieder hingekriegt habe – und seither im Sitzen schlafen musste, da hin liegen einfach nicht möglich war –  aber: diese Pillen hatte ich noch gar nicht genommen und auch auf dem Beipackzettel  unter der Rubrik mögliche Nebenwirkungen war nichts von „Stimmen hören“ aufgeführt. Und das wusste ich genau, denn Beipackzettellesen war eine Spezialität von mir!

Am Briefkasten angekommen, war das unverständliche Gemurmel in dem Umschlag noch lauter geworden. Auch bewegte sich der Umschlag heftig hin und her – es sah beinahe so aus, als ob etwas im Kuvert von einem Ende zum anderen rannte und dabei kleine Erhebungen von innen an die Hülle boxte.

Es dauerte seine Zeit bis ich den Schlüsselbund fand…… ah ja, da war er. Ich steckte ihn ins Schloss…  –  im Umschlag wurde es schlagartig ruhig still. Aber nur kurz und dann ging es richtig los.  Ich hörte ein zugegebenermaßen etwas fiepsig klingendes aber trotzdem lautes und forderndes Stimmchen. „Jaja“, sagte ich, „bin ja schon dabei“ und versucht das Kuvert- und Zeitungsgewirr aus dem Briefkasten zu zerren. „Aua!!“ Das Stimmchen klang zornig. Vorsichtig zerrte ich weiter an dem Papierwulst. Der Briefträger hatte sich wirklich nicht viel bei seiner Arbeit gedacht. Geschafft!  Drinnen in der Wohnung legte ich den Umschlag auf den Tisch. Vorsichtig stupfte ich ihn mit meinem Zeigefinger an…. „Raus will ich, lass mich SOFORT hier raus, „schrie das Stimmchen wutentbrannt. WOW, dachte ich, dann schaun wir uns die Sache mal näher an.  Ich nahm das Kuvert an einer Ecke hoch und schüttelte es vorsichtig um herauszufinden, wo genau das Stimmchen sich aufhielt und wo ich den Umschlag am besten öffnen konnte.  Keine gute Idee – so viel konnte ich gleich  sagen. „Hey!!!!!!“.

Mann, da war jemand sauer! Ich schnitt die Hülle an der vorderen Kante auf und legte sie zurück auf den Tisch. Ein Weilchen geschah nichts;  dann bewegte sich etwas schimpfend und hektisch in Richtung der Umschlagöffnung. Als erstes war ein dicker Schopf rote, in alle Richtungen stehende, wollige Haare zu sehen. Darunter war ein nettes rundes Gesichtchen mit grünen Augen, die im Moment allerdings sehr ungehalten um sich blickten. Zu guter Letzt kam ein Körperteil, in einen schicken rotblumig-bedruckten Overall gehüllt zum Vorschein. Arme und Beine gab es keine –was das Wesen allerdings nicht davon abhielt, wie ein kleiner Gummiball auf den mit Luftpolster verkleideten Umschlagresten auf und ab zu hüpfen.  Es rief immerzu:  „Wasn´ Firlefanz Mathilda, wasn´ Firlefanz!“  Ich folgerte daraus, dass das Wesen wohl Mathilda hieß; was es mit dem „Firlefanz“ auf sich hatte…. –  keine Ahnung.  Jedenfalls noch nicht.

Und dann:  Mathilda hatte mich entdeckt!  Mit blitzenden Augen hüpfte sie auf mich zu und baute sich vor mir auf.  „So!“, sagte sie aufgebracht und wütend, „so!“  Was sollte ich dazu sagen?  Mathilda rollte ihre grünen Augen und sagte mit lauter Stimme (vielleicht glaubte sie, ich wäre taub?) „Und???“. Ihr roter Haarschopf zitterte bedenklich.  „WIE BIN ICH HIERHER GEKOMMEN??“.  Tja, gute Frage.  Halt, die konnte ich ja beantworten.  „In einem Umschlag“, sagte ich zu Mathilda. Sie warf mir einen vernichtenden Blick zu.  Es stand zu befürchten, dass ich bisher keinen allzu großen Eindruck bei ihr hinterlassen hatte. „Stimmt aber trotzdem“, sagte ich, „lass uns mal nachschauen, ob der Poststempel was hergibt“. Ich hob den Umschlag auf und zeigte Mathilda die Vorderseite des Kuverts mit meiner Adresse und der Briefmarke drauf. Mathilda warf nur einen Blick auf den Umschlag und hüpfte vor Schreck zwei Schritt zurück. Sie packte meinen Ärmel und flüsterte aufgeregt: „Udo, das ist Udo… sehr gefährlich, sehr gefährlich, wir müssen jetzt sehr sehr vorsichtig sein…… Heute schien ich nur auf der Leitung zu stehen, denn ich hatte keine Ahnung was sie meinte. Ich wollte aber kein Spielverderber sein, also flüsterte ich zurück „Udo, wer ist Udo?“  „Na DER da“, sagte Mathilda ungeduldig, „bist Du blind oder was?“  „Also“, sagte ich, „ich seh nur ein Papier-Krokodil, sonst nichts“.

„Nur ein Papier-Krokodil“ schrie Mathilda und vergaß dabei ganz, dass man nur flüstern durfte, „das ist kein Papier-Krokodil, das ist Udo – und Udo, der ist stinke-gefährlich, stinke-gemein und stinke-überhaupt!“ Mathilda hatte vor Aufregung fast so einen roten Kopf wie ihre Haare bekommen, welche ihr – es war kaum zu glauben – noch wilder vom Kopf abstanden als vorher. Ich schaute mir das Krokodil genauer an. Also Udo sah für mich nicht gefährlich aus;  im Gegenteil, er zwinkerte mir mit seinem einen Auge verschwörerisch zu und ich meinte um seine Mundwinkel herum ein schelmisches Grinsen zu entdecken. Aber das war bestimmt nicht möglich – Papier-Krokodile können nicht zwinkern und grinsen, das wusste doch jeder! „Na ja“, hörte ich da eine Stimme in meinen Kopf, „du weißt aber schon, dass normalerweise kleine rothaarige Stoffpüppchen auch nicht sprechen können, oder?“ Hm.

Mathilda schaute mich schon die ganze Zeit fragend an.“ Siehst du jetzt was ich meine?“, sagte sie und riss ihre grünen Augen auf. Ich wollte es mit ihr nicht verderben und was konnte es schon schaden, wenn ich ihr Recht gab? Also nickte ich zustimmend und versuchte meine Stirne in sorgenvolle Falten zu ziehen. Es schien mir ganz gut zu gelingen, denn Mathilda betrachte mich zum ersten Mal seit wir uns getroffen hatten etwas wohlwollender. Ich nahm den Umschlag und drehte ihn auf die Rückseite um zu sehen, wie groß das Papier-Krokodil war. Ganz schön groß war es schon, das musste ich zugeben.  Auf dem Schwanzende des Papier-Krokodils saß ein kleines Männchen mit einem schwarzen Zylinder aufgesetzt,  in einem roten Sportwägelchen, auf dessen Rückbank ein gelber Kran versehen mit einem Schiffshaken thronte. „Wer ist das denn?“, fragte ich zu Mathilda. „Phffff“, machte diese, „das ist Fiete Piepenbrink, Udo´s bester Kumpel. Die zwei machen alles zusammen, ich kann nur sagen: Einer schlimmer als der Andere. Udo hatte einen super Plan, ja den hatte er!“ „Wie jetzt“, sagte ich etwas erstaunt darüber, dass Papier-Krokodile Pläne schmieden können, „was für´n Plan denn?“ „Na“, Mathilda holt tief Luft, „er wollte mit seinen großen Zähnen ein Loch in den Umschlag beißen!“ „Und dann“, fragte ich. „Dann“, Mathilda schauderte es sichtlich, “ sollte Fiete mit dem Auto in den Umschlag fahren, mich suchen und wenn er mich gefunden hat, mit dem Schiffshaken vom Kran einfangen. „Und dann? Nun sag doch schon“, meinte ich nun selber etwas aufgeregt. „Daahhhan“ sagte Mathilda, „wollte er mich aus dem Umschlag zerren und ich sollte in Buxtehude über Bord geworfen werden.  „Wieso jetzt Buxtehude? Woher weißt du denn das so genau?“, wollte ich von Mathilda wissen. „Ich hab es gehört, sie haben darüber gesprochen. Udo meinte, „jetzt krallen wir sie uns und dann ab mit ihr nach Buxtehude“.

Das hört sich echt gefährlich an“, meinte ich mitfühlend, „aber sag mal, ich seh da ein paar große Fische, konnten die dir nicht helfen?“ „ Die?“, lachte Mathilda, “haha –  das sind die Jonas Brothers, Kevin, Joe, Nick, Ray, Dave und Jonas, der Chef. Der meint er wäre was Besseres, deswegen schwimmt der auch vorne auf dem Umschlag und nicht wie seine Brüder auf der Rückseite. Die Jungens sind nur an ihren Songs interessiert und üben den ganzen Tag. Das macht einen wahnsinnig. Ich dachte wenn ich noch einmal „Fish Ain’t Bitin’“ hören muss, dreh ich durch“. Mathilda holte Luft. „Ohne Spaß“, sagte sie  und rollte wieder ihre grünen Augen hin und her.

„Na dann“, sagte ich ergeben. So schnell gab ich aber nicht auf. „Und was bitte schön ist mit dem …äh, was ist das eigentlich? Ach so, das ist ein Biber mit Taucherbrille“. Das war gar nicht so leicht zu erkennen, man musste schon genau hinsehen. „Also“, sagte ich nochmal, “ was ist DEM als Retter?“  „Das ist Hank Duddley“, sagte Mathilda und ihre Stimme klang auf einmal traurig, „ schlimme Geschichte ist das mit Hank. Weißt Du, er ist gar nicht von hier, wollte nur mal kurz seine Schwester im Hagenbeck besuchen und dann zurück nach Kanada, da lebt er nämlich in den Rocky Mountains, stell Dir das mal vor“. Mathilda schluckte. „Und was glaubst Du was passiert ist? Hm? Er ist aus Versehen auf dem falschen Umschlag gelandet, hörst Du, auf dem  f-a-l-s-c-h-e-n Umschlag, es ist nicht zu glauben. War natürlich keine Absicht, der arme Kerl hat einfach nur Pech gehabt. Tja, und nun ist er fix und fertig, klaro!  Es ist schwer vorstellbar, dass er seine Heimat jemals wiedersehen wird.“  Sie winkte Hank zu. Hank rückte verlegen seine Taucherbrille gerade und lächelte traurig zurück.

Mathilda sagte, “Ich denk mir ja immer, Mathilda denk ich mir, halt dich da raus…. Verwandtschaft ist o.k., meistens jedenfalls, aber halt dich raus, dann kommst du in nichts rein, hab ich nicht recht?“  Ich konnte nur zustimmend nicken, da fuhr sie auch schon fort, „ Das erinnert mich an den Platz, an dem ich aufgewachsen bin…… nette Leute übrigens. ER war cool, ich liebe Männer mit Vollbart, du nicht auch?“ Mathildas Augen blitzten schelmisch. „, Äh, sagte ich, “tja…  Aber schon plapperte sie weiter, „ jedenfalls von ihm weiß ich einen Spruch, den hab ich mir gemerkt, denn der passt für Alles! Und zwar lautet er „Das Leben ist kein Ponyhof!“ Er passt wirklich für Alles, ich hab es selbst ausprobiert, für einfach Alles!“ Mathilda war überwältigt, das konnte ich deutlich sehen. Sie atmete schwer und ich nützte die Gelegenheit, auch mal wieder etwas zu sagen, „Das klingt ja sehr aufregend was du alles erlebt hast. Ein wahres Glück, dass Dir nichts passiert ist, aber wirklich“. Ich blickte auf den Umschlag und Udo zwinkerte mir zu. Echt jetzt. Schnell sagte ich „Schaun ´wir mal, ob da noch was im Umschlag ist, irgendwelche Papiere oder so“. Ich musste mir abgewöhnen, zwinkernde Krokodile zu sehen!

Im Umschlag war tatsächlich ein Papier auf dem mit großen Buchstaben stand  „Gestatten, Mathilda von Firlefanz“. „Schau mal Mathilda“, sagte ich, „deine Geburtsurkunde“. Nun war mir auch klar, wo das Firlefanz herkam. Mathilda blickte kritisch auf das Stück Papier. „Ich kann nicht lesen, „sagte sie, „wer weiß was du mir da alles vorliest.“ Sie gähnte und sagte, „Sorry, ich  glaub ich bin müde. Da werde ich immer ein bisschen grantig. Ich weiß, eigentlich schwer vorstellbar, aber so ist es halt.“ Ich schwieg höflich zu diesem Kommentar. „Wie wär´s wenn wir morgen gemeinsam alles  lesen, was auf meiner Geburtsurkunde steht, hast Du Lust?“, fragte Mathilda.  „Klar, sagt ich“, kein Problem. Halt, wart mal, da ist noch was im Umschlag.“ Ich packte ein bemaltes Schildchen aus Holz aus, auf dem stand in blauen Buchstaben geschrieben FINGER WEG VON MEINER SEIFENBLASE!  „Das ist ein lustiges Schild“, sagte ich zu Mathilda, „weißt du, für was das wohl gedacht ist?“ Sie schüttelte den Kopf. Ich nahm den Umschlag, stellte ihn auf den Kopf und heraus fiel ein kleines Päckchen in dem ein kleines Teil verborgen war, das aussah wie ein Birnchen. Fragend blickte ich Mathilda an. Sie nahm das Birnchen und schüttelte es. Nichts passierte. Mathilda schaute ungläubig auf das Holzschildchen, dann auf das Birnchen und sagte mit Grabesstimme, „  Nur 1 Brettchen, keine 4 Brettchen – 4 hätte ich gebraucht um eine Kiste zu bauen, um mich vor Udo und Fiete zu schützen. Und dann hätten wir da noch eine Taschenlampe“, sie blickte verächtlich auf das Birnchen, „ die auch nicht funktioniert. Und SO schickt man mich auf eine gefährliche Reise…“ Mathildas Haare fingen gefährlich an zu zittern.  „Es ist nicht zu fassen“, ihre Stimme ging 3 Oktaven nach oben, „Das wird noch ein Nachspiel haben, soviel ist sicher!“

Genug davon für heute, beschloss ich und bevor Mathilda noch etwas einfiel, sagte ich schnell, „Hm, ich glaub ich bin jetzt auch müde. Morgen ist auch noch ein Tag und für heute reicht es an Neuigkeiten und Abenteuer. Das Leben ist kein Ponyhof, was Mathilda?“

Mathilda kicherte und nickte heftig mit dem Kopf. Sie ließ sich von mir hochnehmen und auf das Regal setzen. Interessiert blickte sie sich um. „Wow“, sagte sie, „ da sitzt ja ein Bär in einem gestrickten kanadischen Pulli. Den müssen wir morgen unbedingt Hank zeigen, er wird ausflippen!“. „Machen wir“, sagte ich, “ hoffentlich hast du es bequem. Was möchtest du eigentlich zum Frühstück?“ Mathilda gähnte und die Augen fielen ihr zu. Sie sagte, „Ach morgens ess ich nie sehr viel; mir genügt ein Schokocroissant, ein Schokoriegel, ein Schokoladen-Doppelkeks, ein Stück Schokoladentorte und eine doppelte Heiße Schokolade.“

„Na dann, “ sagte ich, “ sieht so aus, als ob ich zeitig aufstehn werde morgen früh!“

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